Wirtschaft ab 1900

Die letzten Jahrzehnte vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges waren durch eine starke Förderung des national-magyarischen Gedankens gekennzeichnet (unser Gebiet gehörte zu Ungarn). Die Einführung und Vermehrung des ungarischen Unterrichtes, die geschickte Verbindung von magyarischem Bekenntnis und Eröffnung sozialer Aufstiegschancen, die Festlegung offizieller ungarischer Bezeichnungen für Orte und Einrichtungen, sind alles Hinweise auf die Magyarisierungsbestrebungen . Wenn sie auch in dem abseits liegenden Gebiet um Bernstein nicht so deutlich merkbar waren, so konnte sich ihnen doch niemand entziehen. Das Grenzgebiet war zu dieser Zeit Schmuggelgebiet. In Dreihütten befanden sich 10 Grenzsoldaten. Die Schmuggelware aus Ungarn bestand aus Vieh und Tabak, während aus Niederösterreich Salz eingeschmuggelt wurde.

Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, wurden alle wehrfähigen Männer zum Militär eingezogen. In der Burg Bernstein richtete die Österreich-ungarische Monarchie ein Gefangenenlager ein, wo russische und englische Offiziere gefangen gehalten wurden. 16 Einwohner von Rettenbach fielen dem 1. Weltkrieg zum Opfer.

Die Zeit zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg war durch eine schwere wirtschaftliche Krise gekennzeichnet. Die Arbeitslosigkeit stieg und die Inflation galoppierte. Die Kronenwährung verlor immer mehr an Wert, sodass am 1. Jänner 1925 10.000 Kronen 1 Schilling gleichgesetzt wurden.

In Rettenbach herrschte während dieser Zeit eine rein bäuerliche Struktur (kleinbäuerliche Betriebe). 90 Prozent der in Rettenbach lebenden Familien waren Vollerwerbsbauern, während die verbleibenden 10 Prozent als Nebenerwerbsbauern bezeichnet werden konnten.
Im Vergleich dazu: Heute gibt es in Rettenbach nur mehr 2 Höfe mit Viehhaltung.

Die Bauern betrieben hier die so genannte „Dreifelderwirtschaft“. In einem Ried durfte immer nur dasselbe angebaut werden, weil damals auch die Wege bebaut wurden und somit nur zur Erntezeit und im Winter frei waren (Servitutswege). Die Bauern Rettenbachs waren Selbstversorger . Sie versuchten sich so gut wie möglich, mit allem, was sie zum Leben benötigten, selbst zu versorgen. Durchschnittlich hatten sie zwischen 2 und 4 Stück Kühe. Stiere gab es in der ganzen Gemeinde nur 2 (Gemeindestiere), die der gesamten Gemeinde zur Verfügung standen. Neben verhältnismäßig vielen Hühnern wurden durchschnittlich noch 2 Schweine, Enten und Gänse gefüttert. Pferde konnten sich nur die größten Bauern leisten.

Es wurden Roggen und Weizen für Mehl , Gerste und Hafer für die Fütterung angebaut.

Daneben wurden noch Flachs, Rüben, Kartoffeln, Tabak, Mohn und Gemüse angepflanzt. Für den Anbau von Obst ist die Lage des Ortes ungünstig.

Die Rinder wurden solange als möglich auf den Weiden gehalten. Trotzdem bereitete die Fütterung über den Winter oft große Schwierigkeiten . Die Menge des Getreides war nie so groß, dass man es wagen konnte, einen Teil zu verkaufen.

Schweine wurden in den kühleren Monaten geschlachtet (höchsten 2), da nur zu dieser Zeit die Haltbarmachung des Fleisches möglich war. Das Fleisch wurde größtenteils zuerst eingesalzen, 3 Wochen in Beize gelegt und dann geräuchert.

Der Anbau von Flachs spielte zur Selbstverarbeitung und Selbstversorgung eine bedeutende Rolle. Er wurde kurz vor dem Gelbwerden des Stängels geerntet und dann auf dem Brechelofen getrocknet. Durch das „Brecheln“ wurden dann die Faserbündel aus dem Stängel herausgelöst, die dann gesponnen wurden. Diese Bündel wurden dann nach Stuben oder Lockenhaus getragen, wo sie zu der so genannten Hausleinwand verarbeitet wurden.

Um zusätzlich Geld zu verdienen, fuhren manche Bauern während der Erntezeit mit ihren Sensen ins Marchfeld , wo sie dann verschiedenen Bauern bei der Ernte halfen. Da die Ernte im klimatisch günstig gelegenen Marchfeld um zirka 3 Wochen früher einsetzte, waren die Rettenbacher auch wieder rechtzeitig zur eigenen Ernte zurück. Allgemein muss aber über die Zwischenkriegszeit gesagt werden, dass Rettenbach scheinbar in seiner Entwicklung stecken blieb. Nichts veränderte sich im Dorf. Von 1920 – 1930 herrschte jedoch relativ gesehen Wohlstand und Friede im Ort.

Im Jahre 1939 brach dann der 2. Weltkrieg aus. Alle wehrfähigen Männer mussten einrücken, sodass die Frauen die Wirtschaften führen mussten. Bald bekamen sie jedoch Hilfe von Gefangenen oder Hilfsfreiwilligen aus Ungarn, Jugoslawien usw. Die Bauern mussten jedoch Abgaben leisten, die zur Versorgung der deutschen Soldaten dienten.

Mit dem Einmarsch der Russen in Rettenbach am 3.4.1945 begannen die Monate der Plünderungen.

Die Bewohner konnten sich so recht und schlecht in den ersten Nachkriegsjahren ernähren. Die Situation nach dem Ende des Krieges war dennoch kritisch.

Nachdem diese Zeit überwunden worden war, kam es zu einer Änderung der gesellschaftlichen Struktur in Rettenbach. Immer mehr Bauern beschlossen Berufe zu ergreifen und ihre Wirtschaft nur noch als Nebenerwerb auszuführen.

1954 gab es im Ort nur mehr 2 Mühlen , die zwei anderen wurden 1953 stillgelegt. Zu den Mühlen gehörte auch noch ein Sägewerk und eine Holzhandlung . In zwei Gemischtwarenhandlungen erhielt man das notwendigste für den Haushalt. Sehr gut bedient wurde man auch in den drei Gasthäusern , außerdem gab es in Rettenbach noch zwei Schuster , einen Tischler , eine Geschirrhändlerin und einen Zementwarenhersteller . Vor 1950 bestand auch eine Ziegelei , die jedoch bald wieder geschlossen wurde.

Die Kinder wurden auf Grund der verbesserten wirtschaftlichen Lage in Handwerkslehren geschickt. Auch eine bessere Schulausbildung konnten sie genießen, da ab 1955 regelmäßig ein Bus zwischen Rettenbach, Oberschützen und Oberwart verkehrte. Die Bauernanzahl ging deshalb zurück, da die meisten Arbeiter, die bis 1967 im Bergwerk Tauchen arbeiteten, nach Wien als Pendler arbeiten gingen.